„Die Krise hat uns um Jahre nach vorne geworfen“

Der DHB-Vizepräsident Stefan Hüdepohl zu den Herausforderungen in der Corona-Zeit.

Stefan Hüdepohl. - Foto: Sascha Klahn

Als Präsident des Handball-Verbands Niedersachen (HVN) trägt Stefan Hüdepohl (47) die Verantwortung für die Entwicklung des Handballsports in Niedersachsen – und seit 2020 auch: für die Gesundheit von Spieler*innen und Besucher*innen bei Sportveranstaltungen in „seinem“ Landesverband. Wie man mit diesem Druck umgeht, wo der HVN kurz vor dem 75. Verbandsjubiläum steht, was die anstehenden Herausforderungen sind: ein Interview.

Herr Hüdepohl, die Saison 2021/2022 steht vor der Tür. Wenn Sie die letzten zwölf Monate Revue passieren lassen: Wie würden Sie sie in drei Worten beschreiben? 
Hüdepohl: Anstrengend, hoffnungsvoll, handballlos. 

Und warum? 
Hüdepohl: Nun, anstrengend, weil wir im Ehrenamt unheimlich viel bewegt haben und uns immer wieder auf neue Situationen einstellen mussten. Hoffnungsvoll, weil wir bis zum Schluss immer wieder alles in Bewegung gesetzt haben, um den Sport- und Spielbetrieb wieder aufnehmen zu können. Und handballlos – naja, klar. Wir merken erst jetzt, was uns wirklich gefehlt hat. Wieder in Hallen zu sitzen, Handball live zu erleben: Das zeigt uns, wie schwer die Zeit ohne eigentlich war. Das spürt man bei Spieler*innen und Zuschauer*innen gleichermaßen. Der Enthusiasmus, der ist Wahnsinn! 

Hoffen wir, dass er lange anhält. Wie sich die Pandemie über die kommende Saison hinweg entwickelt, ist ungewiss. Was ist denn aktuell Ihr Plan für die Saison 2021/2022? 
Hüdepohl: Natürlich wird es Hygienekonzepte geben müssen. Und natürlich werden wir niemanden wissentlich gefährden. Aber wir hoffen schon, dass alles so stattfinden kann, wie derzeit geplant. Wir planen eine ganz normale Saison! Und doch wissen wir, dass es uns eine Änderung jederzeit ereilen kann. Weil wir im letzten Jahr so ziemlich alles erlebt haben, was theoretisch passieren kann. Aber dadurch fühlen wir uns auch recht krisenfest. 

Ist das ein positiver Nebeneffekt der Krise? Sie sind jetzt mit allen Wassern gewaschen? 
Hüdepohl: Ich glaube, dass wir im Verband auch vorher sehr gut aufgestellt waren. Aber die Corona-Pandemie hat natürlich einige Dinge beschleunigt, die sonst wahrscheinlich noch lange gebraucht hätten. Wir haben im Verband zu einer ganz anderen Kommunikationskultur gefunden. Es wird viel mehr gesprochen! Auch, weil Videokonferenzen jetzt für niemanden mehr ein Problem sind. Der Druck in der Krisensituation hat uns Jahre nach vorne geworfen, was die Digitalisierung angeht. 

Und doch war es auch für Sie und Ihren Verband die erste Pandemie. Im Rückblick: Hätte etwas besser laufen können? 
Hüdepohl: Die Kritik an unserem Krisenmanagement geht nahezu gegen null. Das liegt auch daran, dass wir immer sehr vorsichtig gewesen sind und jede Entscheidung ausgiebig diskutiert haben. Wir haben es uns nicht leicht gemacht! Das hatte zur Folge, dass wir immer einen ganz guten Weg gefunden haben, glaube ich. Jedenfalls lassen die Rückmeldungen der Sportler*innen und Ehrenamtlichen aus dem Verbandsgebiet diesen Schluss zu. 

Sie bereuen also keine Entscheidung? 
Hüdepohl: Nein. Gott sei Dank! Ich bin heilfroh, dass es kein Spiel und keine Veranstaltung unter unserer Verantwortung gab, bei dem es zu einem größeren Corona-Ausbruch kam und Menschen in Quarantäne mussten. Das hat, wie gesagt, etwas mit der Mühe zu tun, die wir uns gemacht haben. Ich habe im vergangenen Jahr wesentlich mehr Zeit für den Handball aufgewendet als vorher. Aber wir haben auch Glück gehabt, dass wir zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen getroffen haben. 

Diese Entscheidungen bedeuten ja auch eine unheimliche Verantwortung – und damit: großen Druck. Wie sind Sie damit umgegangen? 
Hüdepohl: Indem wir sehr, sehr vorsichtig geworden sind. Aber es stimmt schon: Die Angst, dass etwas unter unserer Verantwortung passiert, war immer da. Das ist eine belastende Situation. Damit muss man irgendwie fertig werden. 

Blicken wir nach vorne. In 2022 feiert der Niedersächsische Handballverband ein Jubiläum. Sie werden 75! Wo steht „Ihr“ Verband heute? 
Hüdepohl: Wir sind insgesamt gut aufgestellt. Auch, wenn ich mir natürlich wünschen würde, noch aktiver zu sein. Ich würde gerne noch stärker in Personal und Struktur des Verbandes investieren. Das hat etwas mit der weiteren Professionalisierung des Verbandes insgesamt zu tun. Die Herausforderung ist aber nicht, immer mehr zu machen. Sondern das Niveau des Verbandes zu halten – und damit auch die Mitgliederzahlen. Wir kämpfen natürlich auch mit rückläufigen Mitgliederzahlen. Das ist kein Geheimnis. Da müssen wir gegensteuern. 

Wie wollen Sie das schaffen? 
Hüdepohl: Mir liegt der Servicegedanke gegenüber den Vereinen an der Basis sehr am Herzen. Der Deutsche Handballbund verfolgt einen ganz ähnlichen Ansatz. Wir wollen unterstützen und es den Mitgliedsvereinen so einfacher machen, wiederum neue Mitglieder zu werben. Dazu haben wir gerade eine zweite volle Stelle in der Mitgliederentwicklung geschaffen. Trotzdem wird es auf Dauer nur mit der Hilfe von Ehrenamtlichen gehen. Ein Beispiel? 

Bitte. 
Hüdepohl: Wir haben uns vorgenommen, zum 75-jährigen Verbandsjubiläum 75 Veranstaltungen in Schulen, Kindertagesstätten und Vereinen zu organisieren. Wir nennen das Ganze „Spiel-mit!-Tour“. Die Schulen, Kitas und Co. konnten sich als Standort dieser Tour bei uns bewerben. Insgesamt haben uns 300 Bewerbungen erreicht. Die Organisation dieser Tour und die Kommunikation zu den Bewerbern wäre aus dem Hauptamt heraus kaum zu leisten. 

75 Veranstaltungen sind viel. Allerdings ist Niedersachen natürlich auch ein großes Einzugsgebiet. 
Hüdepohl: Das stimmt. Niedersachsen ist ein Flächenland. Das macht viel Arbeit. Wir haben in der Geschäftsstelle sieben Vollzeit-Mitarbeiter*innen, drei in Teilzeit, dazu drei Freiwilligendienstleistende – und darauf sind wir ziemlich stolz. Allerdings ist diese Frau- und Mann-Stärke auch wirklich nötig, weil wir ein riesiges Land bedienen. Niedersachen ist vielfältig und das ist gut so! Das macht Niedersachen aber auch sehr heterogen: Wir haben ländliche Bereiche, wo es weiße Flecken gibt. Dort gibt es quasi keinen Handball. Um Hannover herum haben wir hingegen ein großes Handballzentrum. Diese Regionen zusammenzubringen, ist nicht einfach. 

Apropos „Regionen zusammenbringen“: Im kommenden Jahr schließt sich der Bremer Handballverband dem Niedersächsischen an. 
Hüdepohl: Genau. Dieser Prozess hat allerdings schon vor vier Jahren begonnen. Wir stehen jetzt vor dem letzten Schritt: der endgültigen Vereinigung der beiden Verbände. Die Bremer bleiben als Verein zwar erhalten, sind dann aber eine „Gliederung“ von Niedersachsen. Damit werden wir die ersten Verbände sein, die sich zusammenschließen und so Kräfte bündeln. 

Wieso ist das nötig? Vor welchen Herausforderungen stehen Sie? 
Hüdepohl: Die Digitalisierung wird ein großes Thema für uns. Und wir wollen, wie gesagt, immer mehr zum Dienstleister und Unterstützer der Vereine werden. Wir müssen gemeinsam mit den Vereinen bestehende Mitglieder binden und neue gewinnen, nur so können wir wachsen; die Mitgliederentwicklung ist, wie gesagt, zentral, um den Sport zu erhalten. Aber größeres Wachstum geht auch mit größerem Finanzbedarf einher. Wir werden uns als ein großer Verband – ausgestattet mit einem neuen Namen – in den kommenden Jahren noch viel mehr vermarkten müssen.